Anasayfa

Zwischen Freiheit und Demut - Ein Blick aus dem Islam


Oftmals hat die Religion etwas mit Regeln, Verboten und Unterwerfung zu tun. Man ist irgendwie klein und Gott ist groß. Man ist Diener und Gott ist Herr. Was man begehrt soll man nicht machen und wenn es nicht mehr geht, soll man eben die andere Wange hinhalten. Für jene, die nicht fest in ihrem Glauben sind, sind es diese Aspekte der Religion, die wohl am meisten auffallen. Denn das Konzept von Freiheit, Individualität und Entfaltung wird heutzutage groß geschrieben. Wir leben in einer ausdifferenzierten Gesellschaft, wo die absoluten Ansprüche eines Bereichs, wie z.B. Religion nicht mehr gesamtgesellschaftlich geltend sind. Wir leben in einer Zeit wo der Mensch an sich keine Grenzen kennt und prinzipiell alles darf. Es gibt kaum irgendwelche Zwänge und solange der Mensch sich an die Gesetze seines Landes hält, darf er sich frei bewegen. So wandelt sich mit der Zeit auch das Menschenbild. Wo der Mensch früher demütiger war und sich der Ordnung unterwarf, kann er heute alles hinterfragen und auch ablehnen. Er darf frei konsumieren und was er will, das kriegt er auch, wenn die Mittel dafür da sind. Der Mensch ist sich selbst also Quelle für Moral, Ethik und Recht geworden. Er regiert sich selbst und seine Meinung ist die zentrale Meinung. Das wirft in religiöser Perspektive neue Fragen auf. Wie lässt sich dieses neuzeitliche Bild von Freiheit und Individualität mit einer alten, fast schon „verstaubten“ Religion, die ihre Gebote und Verbote vor 1400 Jahren aufgestellt hat, vereinbaren? Wie können wir von Freiheit sprechen wenn die Religion uns gleichzeitig sehr genau sagt was wir machen sollen und was nicht? Könnten wir denn nicht auch individuell die Religion etwas an uns selbst anpassen?

Um solchen Fragen nachzugehen müssen wir erstmal verstehen, was denn Freiheit bedeutet. Im Grunde genommen bedeutet Freiheit, dass man sich in seiner Entscheidungsfindung, ohne Zwänge von außen bewegt. Häufig beschreiben wir auch Freiheit damit, dass wir sagen, der Mensch darf alles tun, solange er keinen anderen dabei schadet. Freiheit kennt also auch Grenzen. Sie scheint da aufzuhören, wo sie den anderen oder sich selbst Leid zufügt und destruktiv wird. So kann man auch beobachten, wie demokratische und hoch entwickelte Länder zu Gunsten der Sicherheit zeitweilig auch die Freiheit aufheben und den Ausnahmezustand ausrufen können, in Angesicht einer ernsthaften Bedrohung. Die Polizei oder das Militär ergreift dann die Kontrolle über den Alltag bis wieder für  Sicherheit, Stabilität und Ordnung gesorgt wird. Freiheit ist also nicht absolut. Freiheit ist eher ein Konzept, das in Verbindung mit anderen Aspekten des Lebens auftritt und im Zusammenspiel koexistiert. Freiheit ist nicht etwas faktisch Vorhandenes in der Welt der Objekte, sondern ein Gedanke oder eine Wertvorstellung. Freiheit auf individueller Basis ist anders als Freiheit auf gesamtgesellschaftlicher Basis und Freiheit in einer stabilen Gesellschaft weicht von ihrem Platz für Kontrolle in einer instabilen und gefährdeten Gesellschaft. Daher wird in den verschiedenen Orten der Welt auch verschieden über Freiheit gedacht. Wie man mancherorts auf den Begriff von Freiheit kommt ist zunächst eine andere Frage, es wird aber klar, dass wir nicht einfach oberflächlich über den Begriff der Freiheit reden können und fragen müssen, wie der Islam das Thema aufgreift.  

Der Islam zeichnet dabei größere Kreise ab und behandelt die Freiheit auch auf individueller Ebene. Neben der Tatsache dass man anderen nicht schaden darf, kann man im Islam auch sich selbst keinen Schaden zufügen und sozusagen nicht gegen sich selbst handeln. Denn sämtliche Anlagen des Menschen, wie etwa sein Körper, sein Verstand, seine Seele etc. sind Leihgaben Gottes und sind daher nicht Besitz des Menschen. Entsprechend ist es den Menschen auch nicht erlaubt, Sachen zu tun, die jenen Leihgaben Gottes, also dem eigentlichen Besitzer, schaden. Rauschmittel schaden z.B. dem Körper und dem Gehirn, daher sind sie verboten. Wir haben gerade über Freiheit vor allem als ein zusammenhängendes Konstrukt gesprochen und dabei gab es nur den Menschen als relevante Instanz. Der Mensch ist frei, solange der Mensch geschützt ist. Hier sprechen aber von einer Beziehung zwischen Gott und den Menschen und Freiheit ist im Rahmen dieser Beziehung zu verstehen. Gott ist Besitzer, Herrscher und Verwalter und der Mensch ist sein Besitz, Geschöpf und sein Diener. Daher hört die Freiheit des Menschen da auf, wo sie sozusagen den Besitz Gottes missbrauchen will und dem Vertrauen Gottes nicht würdig wird. Deswegen hat der Mensch auch nicht die Freiheit, gegen Gott zu rebellieren und andere in Versuchung und Sünde zu führen. Daher ist es im Islam z.B. nicht denkbar, dass eine Frau sich im öffentlichen Raum freizügig zeigt und andere Männer in Versuchung bringt. So hätte sie nämlich auch der Seele anderer Menschen Schaden zugefügt und dazu hat sie kein Recht. Den Begriff der Freiheit müsste also im religiösen Verständnis erweitert werden. Der Mensch ist in seiner Entscheidung frei, solange er als Geschöpf Gottes das „göttliche Eigentumsrecht“ beachtet, und anderen Menschen nicht schadet, weder hinsichtlich des Diesseits als auch des Jenseits. Die Freiheit hat demnach jenseitige Aspekte. Dass der Mensch gemäß seinen Willen im Diesseits Gutes wie auch Schlechtes bewirken kann, ist Teil seiner göttlichen Prüfung. Es gäbe keine Prüfung, wenn der Mensch gar nicht die Möglichkeit hätte, Fehler zu begehen und zu lernen. In diesem Sinne verfügt der Mensch über die Freiheit sich nach seinem Ermessen zu entscheiden. In der Religion gibt es keinen direkten Zwang sondern die bewusste Entscheidung. Das ist der Rahmen in dem sich der Mensch bewegt. So gibt es eine immense Vielfalt innerhalb einer Gesellschaft, etliche Berufsgruppen und unzählige religiöse Strömungen. Es gibt sehr fromme wie auch sehr sündhafte Menschen, Menschen die Gutes bewirken, wie auch Menschen die anderen sehr zu Last fallen und ihnen Leid zufügen. In dem Punkt ist der Mensch komplett frei. Wenn er sich aber Gott verschreibt, dann verändert sich die Form dieser Freiheit. So wie es allgemeine Geschäftsbedingungen zwischen zwei Vertragsparteien gibt und man sich für dessen Klauseln verantwortlich macht, sobald man ihnen einwilligt, gibt es auch sozusagen Bedingungen zwischen Gott und Mensch. Man kann sich demnach also nicht einfach Gott widmen und gleichzeitig tun und lassen was man will. Gewisse Regeln und Sensibilitäten muss man dann auch beachten, wenn man ihnen denn einwilligt. Wie auch immer der Mensch sich aber entscheidet, er hat mit den Konsequenzen zu leben, ob genehm oder unangenehm.

Regulierungen und Grenzen die aus der Religion erwachsen sind aber nicht als unangenehme Einschränkungen zu verstehen. Eher sind sie als Schutz zu denken. Ein Fisch kann sich im Wasser frei bewegen aber seine Grenzen sind klar durch das Wasser abgesteckt. An Land wird er nicht überleben, dort sind ohnehin auch Tiere anzutreffen, die ihn auffressen würden. Dass der Fisch also im Wasser bleiben muss, dient eher seinem Schutz und ist für ihn besser so. Der Ozean des Menschen ist der Bereich des Erlaubten, denn der Bereich des Erlaubten ist weit genug gespannt, jeglichem menschlichen Wohlbefinden zu entsprechen. In diesem Bereich kann der Mensch sich frei entfalten und bewegen. Ein Austritt aus diesem Bereich wird ihn nur schaden und er wird an der Pforte der Hölle anklopfen. Aus diesem Blickwinkel könnte man auch sagen, Freiheit ist die Erlaubnis zwischen dem Bereich des Erlaubten und dem Bereich des Unerlaubten frei zu wählen und in Folge dessen in der Lage zu sein, sich freiwillig auf den Pfad des Himmels oder den Pfad der Hölle zu begeben.

Im Endeffekt ist der Diener bzw. der Untertan nicht „frei“, denn er hat eine sehr enge Anbindung und Abhängigkeit an seinen Herrn. Als solcher kann er logischerweise nicht einfach alles nach Lust und Laune tun. Wo doch der Mensch im Alltag von seinem Arbeitgeber, seinem Lehrer, seinem Arbeitskollegen oder seinen Eltern abhängig ist, scheint es regelrecht unlogisch, warum er gerade gegen Gott unbedingt seine Freiheit verfechten will. Dies müssen wir bestens internalisieren. Der Mensch kann mit seiner Hand nicht hören, mit seinen Augen nicht riechen und mit seinen Ohren nicht sehen. Der Mensch muss nämlich seine Anlagen, Organe und Gefühle an richtiger Stelle verwenden. Gott hat in seiner unendlichen Barmherzigkeit und Weisheit die richtige und falsche Nutzung uns offenbart, durch den Bereich des Erlaubten und den Bereich des Unerlaubten. Nicht zuletzt muss man erwähnen, dass ein Jener, der auf die zügellose und uneingeschränkte Befriedigung seiner Gelüste aus ist, nichts weiter ist, als der Sklave seiner primitiven Triebe. Man sollte bedenken, ob das wirklich Freiheit ist. Wenn man so einen Menschen mit einem religiös frommen Menschen vergleicht, kann man zunächst eine Gemeinsamkeit erkennen. Sie sind beide Diener und stehen unter Befehl. Der kriminelle Dieb, der aus Geldgier andere Menschen überfällt und sie beraubt, fällt in höchste Ungnade in den Augen der Menschen und er wird bei erster Gelegenheit bestraft. Der Schüler, der aus wissenschaftlicher Neugier allerdings stets seinem Lehrmeister folgt um von ihm zu lernen, gewinnt Lob und Anerkennung. Seine Haltung wird Früchte tragen. Zeit und Ort spielen für diese Haltung und der Freiheit aus religiöser Sicht keine große Rolle.
 

Die Verse und Bestimmungen des Qurʾān sind ewig gültig. Demnach gelten sie auch für unsere Zeit und werden für die Zeit danach auch geltend sein. Gegenüber dem, was sich im Qurʾān offenbart, verstummt der Mensch mit seinen beschränkten Kapazitäten. Vieles übersteigt nämlich seinen Verstand. Die Eigenschaften und das Wesen Gottes stehen nämlich über der Zeit und werden sich niemals verändern. Der Wille Gottes und das Modell von einem Menschen, der das Wohlwollen Gottes erreicht, wird sich auch nicht verändern. Es wäre aber unangebracht zu sagen, die Zeit und die historischen Entwicklungen spielten gar keine Rolle. In der Ausübung, also der Praxis der Religion gab es zu verschiedenen Zeiten verschieden ausgeprägte Offenbarungen und Gebote bzw. Verbote. Dies hat mit dem Entwicklungsstand der Menschen zu tun. Je entwickelter der Mensch wurde, desto filigraner und detaillierter oder ausgereifter wurde die religiöse Praxis im Rahmen der Gebote und Verbote behandelt. Der Mensch wurde aber zu jedem Moment seiner Geschichte mit rechtleitenden Offenbarungen und Maximen ausgestattet, damit er gemäß seiner Kapazitäten Gott dienen kann und nicht überfordert wird. Je weiter seine Kapazitäten also reichen, desto mehr wird von ihm erwartet. So sieht man beim näheren Blick auch, dass es in innerislamischen Kreisen bei solchen Debatten auch eher um die Praxis geht. Die wesentlichen Aspekte werden kaum Streitthemen. Wer aber eine gänzlich andere und degenerierte Wertvorstellung und Auffassung hat, wird folglich das Ganze kritisieren und ablehnen. Die Wirklichkeit des Rechts ist aber unabhängig von der Meinung von vielen. Sie können sich ihr anpassen aber sie können nicht einfach aus Unrecht Recht und aus Recht Unrecht machen. Beispielhaft können wir von dem Verbot von Alkohol und dem Zinshandel sprechen. Nur diejenigen, die dieser Sucht verfallen sind würden sich eventuell diesbezüglich verteidigen, ansonsten liegt aber ihre Schädlichkeit klar auf der Hand. Wenn es nun ein Land gäbe, wo die Mehrheit der Bevölkerung alkoholsüchtig wäre, könnte man deswegen noch lange nicht behaupten, der Qurʾān enstpräche nicht dem Zeitgeist. Eher würde man davon sprechen, dass diese Gesellschaft zerrüttelt und zerrissen ist und weit entfernt von der Moral und der Ethik des Qurʾāns.

Der Islam trifft mit seinen Geboten und Verboten immer Vorkehrungen und schließt alle Wege zum Unheil. Dabei bezieht sich der Islam auf die gesamte Menschheit und nicht auf Einzelne. Was für den einen harmlos erscheint, ist für den anderen kritisch. Daher muss man den Islam als ein Ganzes akzeptieren auch wenn wir gewisse Aspekte erstmal nicht ganz nachvollziehen können. So gilt zu sagen, die Gebote und Verbote im Islam sind nicht einfach Meinungssache des Einzelnen. Es wäre falsch wenn wir eine Sache einfach als veraltet, verfehlt oder sinnlos beschreiben, nur weil wir sie selbst im ersten Moment nicht begreifen. Wir würden damit einem Kind ähneln, das denkt es kann die Sonne mit seinem Daumen zum Erlöschen bringen, indem es den Daumen eng an den Augen und vor der Sonne platziert. Der Mensch ist somit im Rahmen der Gebote und Verbote des Islams frei, aber es sind nicht sie, die von seinem Ermessen abhängig sind, sondern er, der von ihren Grenzziehungen abhängig ist. Wie bewusst ihm das ist und wie gut er dies nachvollziehen kann, kommt auf seine Kapazitäten, sein Wissen und seinen Glauben an. Zum Schluss bleibt zu sagen, der Mensch ist frei in seinen Entscheidungen. Sobald er sich aber entschieden hat und dies bewusst bestätigt, ist er nicht mehr frei. Er ist dann gemäß seinen Präferenzen eingebunden und dient dem, wofür er sich frei entschieden hat.          
 

Selam & Dua 

Fragenandenislam - Team