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Flüchtlinge - Eine Frage der Menschlichkeit


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Was hat die Menschheit und speziell die Muslime zu tun bezüglich der Flüchtlinge?
In letzter Zeit legt die Welt quasi eine Prüfung in Sachen Menschlichkeit ab, was die Flüchtlinge angeht. In dieser Prüfung schneiden viele Länder und vor allem europäische Länder recht schlecht, ja geradezu beschämend ab.


Das gesunkene Schiff mit Hunderten von Flüchtlingen oder dass das Haus für die Flüchtlinge Opfer von Brandstiftern wurde, Stunden bevor die Flüchtlinge dort platziert werden sollten sind schreckliche Momente. Mindestens genauso schrecklich ist aber die Ignoranz und in manchen Fällen sogar der Jubel einiger Bevölkerungsgruppen gegenüber diesen Tragödien.

In einem Umfeld wo Menschen hilflos und panisch um Hilfe flehen ist es alarmierend zu sehen wie sehr die Bevölkerung oder einige Gruppen zumindest dies ignorieren und die Stimme von Hass, Zorn und Verachtung so laut zu hören ist.

Wir denken dass wir als Muslime hier eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe haben und in dieser Hinsicht eine Vorbildfunktion erfüllen sollten. Unsere Religion ist voll von Geboten bezüglich der Nächstenliebe, Barmherzigkeit und dem gegenseitigen Helfen. Denn es ist ganz eindeutig dass diese Tragödie eine Prüfung für unsere Menschlichkeit ist und das Versagen kann tiefe Wunden in unsere Gesellschaft reißen. Doch was sollen wir tun? Wie soll unsere Haltung aussehen?

Wir wollen diese Thematik anhand verschiedener Blickwinkel betrachten: Gott ruft die Menschheit zur Pilgerfahrt auf. Um diese Thematik zu erörtern sollten wir nochmal über den im Vers (3/97) geschriebenen Befehl zur Pilgerfahrt reflektieren. Es wird dort die Menschheit adressiert und wie es im Vers heißt ist dies etwas was Gott von der Menschheit rechtmäßig verlangen kann. Man muss betonen, die Gottesdienste und insbesondere die verpflichtenden Gottesdienste adressieren nicht die Menschen sondern die Gläubigen, die Muslime also. Wenn das Fakt ist stellt sich die Frage warum dann beim Aufruf zur Pilgerfahrt die Menschheit allgemein adressiert wird und die Antwort hat mit unserer Thematik zu tun.

Die Pilgerfahrt ruft die Menschen zur Menschlichkeit auf. Eingeladen sind nicht etwa die Menschen sondern die Menschlichkeit an sich. Mit der Pilgerfahrt lädt Gott uns zur Rückbesinnung auf unsere menschlichen Werte ein und zur Einstellung unserer Werkseinstellungen wenn man so will. Man kann nämlich deutlich beobachten wie ganz elementare Werte der Moral wie etwa Respekt, Führsorge, Barmherzigkeit, Brüderlichkeit und Solidarität dahin schwinden und kaum noch ausgeprägt sind als Zahnräder der Gesellschaft. Das Herz ist zwar noch vorhanden aber es spürt nicht, es hat seine Fähigkeit zur Empfindung von Leid und Erschütterung verloren. Es funktioniert eindeutig nicht mehr. Die mit Demut und aus dem Herzen getätigten Gottesdienste stellen uns und unser nicht mehr funktionierendes Herz auf ihre Werkseinstellungen zurück, da wo sie am besten funktionieren und die Pilgerfahrt lässt uns zur unserer eigentlichen Beschaffenheit zurückkehren.
Die getätigten Sünden sind es aber die wie eine Art Virus unsere Werkseinstellungen beschädigen. Der größte Schaden der durch die Sünden auf dieser Welt verursacht wird ist das Verletzen der menschlichen Werte. Der Gläubige ist der, der seine menschlichen Werte wahrt und entwickelt, dies erreicht er mit dem Islam.   

 

Die zu Anfang des Textes geschilderten Punkte sind leider Teil unserer Realität und wir müssen beobachten und analysieren wie wir zu diesem Punkt kommen. Dazu schauen wir auf einen Ausschnitt aus dem Werk „Strahlen“ von „Bediüzzaman“ Said Nursi;
 

In dieser stürmischen Zeit verleiten die Strömungen die das Empfinden ausschalten und die Wahrnehmung der Menschen in unzählige Horizonte ertränken den Menschen in eine Art Rauschzustand der Unempfindlichkeit. 

Das was hier mit Empfinden beschrieben wird können wir mit dem modernen Wort „Empathie“ oder „Sensibilisierung“ gleichsetzen. Dementsprechend funktioniert das sensible und empathische Mitgefühl der Menschen nicht mehr. Der Grund dafür sind die Viren denen wir uns aussetzen in Form von Sünden und dem Ignorieren der göttlichen Gebote und darüber hinaus unterlassen wir es mit dem richtigen Antivirus in Form von Gottesdiensten dem entgegenzuwirken.  
 

Aus dieser Perspektive muss es die grundlegende Aufgabe der Menschen sein, das Gute zu verrichten und zu idealisieren während man von den schlechten und verwerflichen Dingen flüchtet, sich distanziert und andere davon hütet. Denn ein Mensch der über ein intaktes Gewissen verfügt ist auch in seinem Denken und in seiner Gefühlswelt sensibel, sein Gewissen lässt ihn im Angesicht eines Problems und eines Leids nicht einfach so schlafen und es drängt ihn dazu etwas zu unternehmen.


Zusammenfassend liegt die Lösung des Problems darin zum Glauben zu finden, denn ein Muslim schubst seinen Bruder nicht in die Arme des Feindes.
Wir sehen wie sehr wir doch diesen Ratschlag unseres ehrenvollen und weisen Propheten (s.a.s.) benötigen:


Die Muslime sind sich Brüder. Ein Muslim tyrannisiert seinen Bruder nicht, er tut ihm kein Unrecht an, er händigt ihn nicht dem Feind aus. Wer seinen muslimischen und bedürftigen Bruder zur Hilfe eilt und seine Bedürfnisse deckt, dem wird auch Gott helfen und seine Bedürfnisse decken. Wer ein Problem eines Muslims löst dem wird auch Gott helfen und am Tage des jüngsten Gerichts wird Gott eins seiner Probleme lösen. Wer die Fehler und Missgeschicke eines Muslims verbirgt und bedeckt, dem wird auch Gott helfen und seine Fehler und Missgeschicke verbergen und bedecken. (Buhârî, Mezâlim 3; Müslim, Birr 58)


Dass ein Muslim einen anderen Muslim nicht tyrannisiert ist kein Wunsch sondern ein Befehl. Denn Quälerei und Unrecht ist von Gott verboten. Jedes Unrecht ist auch eine Form der Quälerei. Dies gilt auch für sämtliche Nichtmuslime die in der Obhut eines islamischen Staats leben.
 

Im Grunde genommen werden seitens des Islams das Unrecht und die Tyrannei in jeglicher Form absolut verboten. Hier wird insbesondere in Form eines Befehls die Beziehung zwischen Muslime als Brüder im Glauben betont um das Recht was zwischen ihnen aus dieser besonderen Beziehung entsteht bestens zu ehren und zu beachten und so sowohl die rechtlichen als auch die ethischen Gepflogenheiten und Aufgaben lückenlos zu erfüllen. 


Ein Muslim händigt seinen Bruder im Glauben nicht den Feind aus, verlässt ihn nicht und stürzt ihn nicht in Gefahr. Nach dem Erläuterer von Überlieferungen, Ibn Battal ist es für die Muslime allgemein und gesellschaftlich verpflichtend den Unterdrückten zu helfen und für den Oberhaupt des Staats ist es eine absolute Pflicht die er nicht abtreten kann.


Ein Muslim ist eine vertrauenswürdige und vertrauenserweckende Person. Es ist untersagt dass er für seinen eigenen Vorteil oder seine Gelüste und sein Vergnügen seinen Glaubensbruder opfert und zu seinem Nachteil handelt. Diese beiden Überlieferungen unterstreichen dies;
 

Ein Muslim ist der von dessen Hand und Zunge die anderen Muslime keinen Schaden tragen. (Buhârî, Îmân 4,5)


Wer das was er für sich selbst erwünscht nicht auch für seinen Glaubensbruder erwünscht, der kann kein wahrhaftiger Gläubiger sein. (Buhârî, Îmân 7)


Die Muslime sollen sich gegenseitig bei ihren Bedürfnissen unterstützen und in Brüderlichkeit leben. Denn die Menschen sind auf einander angewiesen. Diese Bedürfnisse müssen nicht immer materialistischer Natur sein. Die spirituelle Hilfe ist mindestens genauso viel Wert wie die materielle Hilfe. Das Versprechen Gottes, denen zu helfen die auch anderen helfen zeigt eindeutig welch edle Beschaffenheit diesem Verhalten innewohnt.
 

Solange ein Diener seinen Bruder hilft, so hilft auch Gott seinen Diener. (Müslim, Zikr 37-38)
 

Ein Mensch kann in seinem Leben kleinen wie auch großen Problemen begegnen. Alles was den Menschen kränkt und traurig stimmt ist ein Problem. Bei der Beseitigung solcher Probleme reichen sich die Muslime gegenseitig helfend die Hände. Auch hier liegt das Lob Gottes des Barmherzigen auf ihnen.


Dieses Lob drückt sich darin aus dass der Gläubige die Hilfe Gottes am Tage des jüngsten Gerichts verdient hat, wo ihm keiner sonst mehr helfen könnte. Für einen Gläubigen könnte es keine größere Vergütung und kein größeres Wohl als das geben. Denn zu dem Moment wird jeder aufs Äußerste die Hilfe der unendlichen Barmherzigkeit Gottes benötigen. Wer auf dieser Welt Gutes vollbringt der wird das Gegenstück dieser Taten zum Tage des jüngsten Gerichts ohne Zweifel erhalten.
 

Der Islam nimmt den Schutz des Lebens und des Vermögens sowie der Genealogie und der Sittlichkeit unter Garantie. Dieser Schutz wird zunächst zwischen den Muslimen aufgebaut. Im Endeffekt werden diese Werte aber universell für alle Menschen angesehen.

Zweifelsohne ist das Band was die Gläubigen am stärksten zusammenbindet das Band der Brüderlichkeit welches vom Glauben und Frömmigkeit durchtränkt ist. Dies ist einer der schönsten Gaben Gottes für seine Diener. Im Vers taucht dies folgendermaßen auf;


Und haltet allesamt am Seil Gottes fest und spaltet euch nicht. Und gedenket der Gnade Gottes zu euch, als ihr Feinde waret und Er Vertrautheit zwischen euren Herzen stiftete, so daß ihr durch seine Gnade Brüder wurdet; und als ihr euch am Rande einer Feuergrube befandet und Er euch davor rettete. So macht euch Gott seine Zeichen deutlich, auf daß ihr der Rechtleitung folgt. (Sura al-Āl-i ʿImrān  103)


Weil im Islam die Brüderlichkeit als ein Grundelement des Glaubens implementiert ist werden sämtliche Verhaltensweisen die zur Zerrüttung der brüderlichen Bände und zum Egoismus führen verboten. Statt die Rasse, die Genealogie oder andere Kriterien als Basis zu nehmen, so wie es früher zur Zeit des Unwissens gemacht wurde, wird durch die Frömmigkeit als das einzige Kriterium das gesellschaftliche Miteinander und die Brüderlichkeit gewahrt. Dieser Vers macht dies deutlich und beendet damit jegliche Diskussionen:


Der Angesehenste von euch bei Gott, das ist der Gottesfürchtigste von euch. Gott weiß Bescheid und hat Kenntnis von allem. (Sura al-Ḥuǧurāt 13)
 

Es wird erwähnt dass gläubige Männer und gläubige Frauen sich in den Stützpfeilern des Glaubens und der Brüderlichkeit gegenseitig unterstützen. Diese Unterstützung wird als Notwendigkeit angesehen um die Frömmigkeit und den Glauben im individuellen und gesellschaftlichen Leben aufleben zu lassen. Wir sehen auch am Vers dass Menschen die unter diesem Motiv zusammenkommen die Barmherzigkeit Gottes genießen werden:


Die gläubigen Männer und Frauen sind untereinander Freunde. Sie gebieten das Rechte und verbieten das Verwerfliche, verrichten das Gebet und entrichten die Abgabe und gehorchen Gott und seinem Gesandten. Siehe, Gott wird sich ihrer erbarmen. Gott ist mächtig und weise. (Sura at-Tawba 71)
 

Die gläubigen Muslime sind in Sachen Brüderlichkeit und Solidarität wie zwei an einander angelehnte Gebäude oder ein Körper wo jeder Organ, jede Zelle und jedes Atom sich gegenseitig stützt. Wie auch der ganze Körper darunter leidet wenn auch nur ein Organ leidet, so leiden auch alle Muslime wenn auch nur ein Muslim – selbst am anderen Ende der Welt – leiden muss und unterdrückt wird:
 

Man sieht den Gläubigen in Sachen Barmherzigkeit, Liebenswürdigkeit und Unterstützung wie ein Körper. Wenn ein Organ des Körpers schmerzt so ruft der Körper in Schlaflosigkeit und Fieber (alle Organe) zum Dienst auf für dieses Organ. (vgl. Buhârî, salat, 88, Mezalim, 5; Müslim, birr, 65; Tirmizî, birr, 18; Nesâî, zekat, 67)


Ein Gläubiger muss seinen Glaubensbruder in jedem Fall unterstützen. Ob schlecht oder gut er muss ihm beistehen:


Ob er Unterdrückter oder Unterdrücker ist, der Gläubige muss seinen Bruder helfen! Wie man jemanden hilft der etwas Schlechtes tut erklärt der Prophet (s.a.s) folgendermaßen: Du bringst ihn dazu dass er keine schlechten Taten mehr vollbringt. Das ist die Unterstützung die du ihm leistest. (Buhârî, Mezalim, 4; Müslim, birr, 62)
 

Der ehrenwerte Prophet (s.a.s.) und seine Gefährten waren auch Auswanderer. Die ersten Flüchtlinge haben Obhut im damaligen äthiopischen Königreich gefunden. Der ehrenwerte Prophet (s.a.s.) hat den unterdrückten Muslimen in Mekka geraten: 

Dort ist ein Herrscher im Amt unter dem niemand unterdrückt wird. Geht dorthin und sucht in diesem Land der Rechtschaffenheit Obhut bis ihr einen Ausweg aus eurer Lage findet. (İbn Hişâm, I, 321-322)
 

Auf diesen Ratschlag hin sind 615 insgesamt 15 Menschen, davon 4 Frauen nach Äthiopien ausgewandert und wurden dort gut empfangen. Ein Jahr darauf wanderte eine größere Gruppe nach Äthiopien aus.
 

Das damalige äthiopische Königreich verfügte über die entsprechenden Charakteristika. Dort herrschte Gerechtigkeit. Dort wurde niemand unterdrückt und man händigte niemanden dem Feind aus. Man fand dort Ruhe und Sicherheit. Die Flüchtlinge haben dort 13 Jahre in Sicherheit ihre Religion ausüben können. Die Muslime haben in dieser Zeitspanne in Äthiopien ein Heim gefunden. 
 

Unser ehrenwerter Prophet (s.a.s.) war auch ein Flüchtling. Er musste nach Medina auswandern. Es ist somit die Aufgabe jedes Muslims Flüchtlinge aufzunehmen und ihnen zu helfen. Unser ehrenwerter Prophet hat aus den Auswanderern und dem Volk von Medina eine Art große Familie gemacht und dort den Islam aufleben lassen. Das Volk von Medina hat diese Brüderlichkeit so sehr beherzigt dass sie ihr Hab und Gut mit den Auswanderern teilen wollten. Sie haben prinzipiell alle lebensnotwendigen Bedürfnisse der Auswanderer gedeckt und ihnen ihr Heim und ihr Brot angeboten. Die Auswanderer haben die Gaben aber würdevoll abgelehnt und suchten oder fragten nach Wegen wie sie sich durch eine Arbeit einbringen können und so für sich sorgen können. Wenn man all dies bedenkt sind die Flüchtlinge zugleich auch das Gewahrsam des ehrenwerten Propheten (s.a.s.).
Wenn dem so ist, wie kann ein Muslim seinen Bruder ins Feuer stoßen und sagen dass er sich gefälligst selbst helfen soll und sich um sich selbst kümmern soll? Die Flüchtlinge sind eine Prüfung unserer Menschlichkeit und Frömmigkeit.

 

Sie sind für uns als Helfer eine Prüfung. So wie sie im Angesicht von Krieg und Unterdrückung alles zurück lassen müssen und somit eine große Prüfung antreten, so treten wir auch eine Prüfung der Frömmigkeit an um uns als die würdevollen Helfer zu beweisen, die wir gemäß unserer Religion sein sollten. Den Flüchtlingen zu helfen, die ihr Land, ihren Staat, ihre Arbeit und ihr Hab und Gut verloren haben ist also zunächst eine Aufgabe der Menschlichkeit und dann insbesondere eine Aufgabe der Muslime. Es ist eine Unmenschlichkeit diesen Menschen die von der Tyrannei mitsamt Frau und Kind geflohen sind den Rücken zu zukehren. Jedes dieser Kinder ist in unserem Gewahrsam und unsere Aufgabe als Menschen und als Muslime ist es sensibel zu sein und ihr Leid zumindest ein Stück weit zu lindern.


Jetzt ist die Zeit zur Aufopferung um die Menschenwürde zu wahren, den um Hilfe ringenden zu antworten und der Unterdrückung entgegenzuwirken. Die Flüchtlinge dürfen dabei ihre Hoffnung, ihre Geduld und ihren Glauben verlieren. Wir müssen da sein und helfen damit sie nicht etwa anderweitig ausgebeutet werden und das Opfer krimineller Machenschaften werden. Dies ist auch keine Frage der Hautfarbe oder der Nationalität mehr. Dies ist eine Frage der Menschheit. Wenn wir diesen Geist aufleben lassen können wir auch in den Fußstapfen der von unserem ehrenwerten Propheten (s.a.s.) gelobten Helfern Medinas wandern und ihnen ähneln. Amin.

Selam & Dua 

Fragenandenislam - Team